Aus: www.Phantastik.de
Buch der Woche Juni 2002

Michael Siefener: CHIMAEREN
Verlag Lindenstruth, Paperback, 330 Seiten, 16,00 EUR,
 ISBN 3-934273-03-3

Von Markus K. Korb

Was wäre wenn man ein Buch liest, dessen Geschichten dermaßen verstörend wirken, dass man nicht darüber schreiben könnte? Was wäre weiter, wenn man aber den klaren Auftrag hätte, genau das zu tun?
Zum Glück lässt sich der dunkle Zauber von Michael Siefeners Kurzgeschichtenband "Chimären" durchaus schildern - doch erklären kann man ihn nur unzureichend. Dazu muss man ihn gelesen haben. Michael Siefener, ein inzwischen anerkannter Markstein der deutschen Phantastik legt dem Leser 18 Erzählungen vor, die ihn mitreißen in einem Wirbel aus dunklen Bildern und aufwühlenden Plots. Manch einer davon ist dermaßen überraschend, dass es einem glatt die Sprache verschlägt. Dies ist selten geworden im Bereich der Phantastik und verdient es mehr als nur am Rande erwähnt zu werden. Siefener zollt mit mehreren Geschichten seinem Vorbild Lovecraft Tribut. So ist das unnennbare Böse mit seinen kaum zu beschreibenden Wesenheiten Thema in "Die wispernde Schwärze": Ein Professor wird von den dunklen Elementen bedroht, die unter einer alten Burgruine hausen.
 

 

"Der Außenseiter" hingegen ist die perfekteste Hommage an Lovecraft, die man sich denken kann und die abseits eines Epigonentums anderer Autoren neue Wege einschlägt und doch an das Vorbild erinnert. Um nicht allzu viel zu verraten, sei nur erwähnt, dass sich diese Geschichte an eine bestimmte Story des Meisters anlehnt. Doch Siefener kann viel mehr. Das beweist er mit "Gute Freunde", wo der Plot bereits am Anfang vorbereitet wird, aber erst auf der letzten Seite mit voller Wucht in das Bewusstseins des Lesers eindringt. Von der Gesamtkonzeption ist diese Geschichte geradezu perfekt ausbalanciert.
Dass auch Humor und Phantastik eine harmonische Ehe eingehen können, zeigt sich in "Der Herzenswunsch", wo ein kleiner Beamter in eine Märchenwelt entführt wird, die sich aber nicht als so märchenhaft entpuppt, wie er sich das erträumt hatte.
Den Abschluss und für mich den Höhepunkt des Bandes bildet "Fliegen". Von der in sich geschlossenen Gefühlswelt des Ich-Erzählers greift die Geschichte hinaus in lovecraftsche Welten, findet zurück in die geschundene Seele des Protagonisten, der wie in bester Poe-Tradition versucht, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Das Ende ist grausam perfide und entlässt den Leser aus der Welt von Siefener mit einem Schaudern. Michael Siefeners "Chimären" zeigt deutlich, welch hohen Stellenwert der Autor als großer Erzähler von Kurzgeschichten hat. Sein Stil ist nahezu makellos, seine Plots überwiegend gut vorbereitet und überraschend, seine Ideenwelt positiv zwischen Abstraktion und Konkretem schwankend. Was soll ich noch sagen: Kein Zögern! Kaufen !

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