Aus: www.Phantastik.de
Buch der Woche Juli 2002

Wilhelm Klotz: TOTENREIGEN
Verlag Lindenstruth, Paperback, 92 Seiten, 10,00 EUR,
ISBN 3-934273-01-7

Von Markus K. Korb

Ein besonderes Schmankerl bietet der Verlag Lindenstruth allen Freunden der deutschsprachigen Phantastik der Weimarer Zeit: Wilhelm Klotz "Totenreigen". Der Nachdruck des Bandes von 1920 stellt eine Raritaet dar. Zum ersten Mal
seit der Erstveroeffentlichung ist das Buch nun wieder einem breiten Publikum zugaenglich. Und das Lesen lohnt sich. In der Nachfolge von Poe, Ewers und Strobl liefert Klotz ein Werk ab, das nicht nur den Sammler zufrieden stellen wird. Alle Geschichten des Bandes drehen sich um typische Themen der Weimarer Phantastik, wie beispielsweise Hellsehen oder Doppelgaenger Erlebnisse. Wilhelm Klotz erfindet hierbei das Rad nicht neu, sondern uebernimmt die Tradition seiner Vorgaenger und erweitert sie um eine persoenliche Nuance.
 

 

 

"Der rote Teich" ragt dabei mit seiner makabren Thematik besonders aus der Sammlung hervor. Der Koenig eines nicht naeher bestimmten Landes hat eine Vorliebe für Fischspeisen entwickelt. Diese Fische haben sich an Leichen sattgefressen. Nur so besitzen sie einen fuer ihn unnachahmlichen Geschmack. Um immer haeufiger in den Genuss dieser "Delikatesse" zu kommen, laesst der König alle Gesetze des Landes verschärfen. Es gibt nur noch ein Strafmaß - die Todesstrafe. Doch die Strafe fuer den Hochmut des Monarchen folgt auf dem Fuße. Der tiefere Sinn dieser Geschichte ist leicht erklaert: der König ernaehrt sich (woertlich gesprochen) von seinen Untertanen. Die Kurzgeschichte stellt also eine Anklage an die eben erst zu Ende gegangene Epoche der Kaiserzeit dar. Wilhelm Klotz Geschichten sind dem Andenken von E.T.A. Hoffmann verpflichtet, mit dem er den Sinn für makabren Humor teilt, dessen Originalitaet er aber nicht immer erreicht. Jedem Freund der Weimarer Phantastik sei dieser Band ans Herz gelegt, der mit dem Original Titelbild von 1920 aufwartet.
Vielleicht muss man sonst noch weitere 80 Jahre warten, um wieder mit Freude diese Geschichten lesen zu koennen. Der Verlag Lindenstruth tut gut daran, derartige Klassiker vor dem Vergessen zu retten. Sie zeigen, welch ein herber Schlag dem deutschen Phantastikgenre mit der Nazi-Zeit und der darauffolgenden Kahlschlag-Literatur der 50er Jahre erwachsen ist. Mehr davon!

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